Alt oder neu

Soll man ein Fernreisefahrzeug auf einem neuen- oder nicht doch besser auf einem alten Fahrgestell aufbauen? Der Vorteil den alte, elektroniklose Fahrzeuge bieten, sind die einfacheren Motoren ohne komplizierte Elektronik, Abgasreinigungstechnik und  überschaubarer Elektrik.

Gern wird daraus geschlossen, ältere Fahrzeuge können von jedem Buschmechaniker repariert werden. Das stimmt aber nur zum Teil, je nach Fahrzeugmarke und Typ kann sogar das Gegenteil der Fall sein! Betrachtet man sich z.B. das IVECO-BREMACH und SCAM Forum im VMV wird dies deutlich!

Der Aussage "Fahrzeuge ohne Elektronik können von jedem Dorfschmied repariert werden", stehen diverse verzweifelte Ersatzteil- und immer mehr auch Verschleissteilsuchen von Forenteilnehmern mit Fahrzeugen, schon aus Produktion "um die Jahrtausendwende" gegenüber.
 
Wir müssen uns darüber klar sein, Lieferwagen und Leicht-LKW im gewerblichen Einsatz werden kaum länger als 4 Jahre genutzt. Danach sind sie amortisiert und werden dem Gebrauchtwagenmarkt überlassen. Kaum eine Firma wendet Zeit und Geld auf, diese Fahrzeuge zu restaurieren. Es sind "Wegwerfartikel". Zudem sind die Modelle einem immer schnelleren Wechsel unterzogen. Die ständig strenger werdenden Abgas- und Lärmgrenzwerte sowie der Konkurrenzdruck tun ihr übriges dazu. Dies alles sorgt dafür, dass die Verfügbarkeit von Ersatzteilen bei den Herstellern, bzw. ihren Ersatzteilfirmen immer kürzer wird. 
 
  • Bei Lieferwagen und Leicht-LKW geht man von höchstens 4 Jahren Betriebsdauer aus, danach gilt das Fahrzeug als amortisiert
  • Bei PKW-Bewertungen bei Eurotax heisst es: Keine Bewertung, das Fahrzeug ist zu alt (also älter als 12 Baujahre)
  • Behörden (Feuerwehr, Militär usw.) verlangen die Garantie einer 15 jährigen Ersatzteilversorgung durch eine von der Mutterfirma getrennte und eigenständig finanzierte Firma 
 
Diese recht kurz angenommene Lebensdauer sorgt leider dafür, dass für ein bloss 15 Jahre altes Fahrzeug, oft nicht mehr alle Ersatzteile verfügbar sind. Gerade bei Reisefahrzeugen trifft man aber gern Fahrzeuge, die trotz "älterem Jahrgang" noch längst nicht an ihrem Lebensende angelangt sind. Bauen wir also unser Reisefahrzeug auf einem schon älteren Basisfahrzeug auf, werden wir über die Dauer dessen Nutzung mit immer schwieriger werdender Ersatz- und Verschelissteilversorgung zu kämpfen haben.
 
Auch kaum- oder nur selten genutzte Motoren, Getriebe und Antriebsstränge altern! Materialermüdung und daraus resultierende Brüche, leckende Dichtungen, versprödete Schläuche, unterrostete Dichtungen, "totgestandene" Lager und verhockte- oder leckende Bremszylinder sind, neben Rost an Carosserie und Rahmen, typische Probleme mit denen sich "Altfahrzeugbesitzer" herum schlagen müssen. Welcher Aufwand entstehen kann, um einen "guten gebrauchten" fernreisetauglich zu restaurieren zeigt Ozy aus dem VMV in diesem Beitrag deutlich. Ozys Sandkasten


Reparaturen unterwegs

Besucht man in einer Ortschaft irgendwo in Afrika oder Asien die "Strasse der Mechaniker" ist man erst mal beeindruckt. Reparaturen, Wartungsarbeiten, Ölwechsel werden gleich auf der Strasse gemacht, das untergestellte Schälchen hält nur einen Teil des Altöls auf, der Rest fliesst auf die Strasse und wird mit lässigem Schuh-Schlenker mit etwas Strassendreck überdeckt. Als Werkbank dient ein alter Motorblock, als Ambos ein ausgedienter Zylinderkopf. Überall liegen Motoren, Getriebe und Achsteile herum, Ersatzteile jeglichen Ursprungs werden in einem Gewühl von Kisten und Kartons aufbewahrt. Und mitten drin steht der ölverschmierte Meister der Mechanik. Neidlos zugegeben, sie sind bewundernswerte Meister der Improvisation!



Reparaturen am Fahrwerk, Carosserie und Anbauten

Bild aus VMV-Forum

Mechaniker abseits der "Zivilisation" sind ausgesprochen ideenreich, wenn etwas repariert werden soll. Da wird mit der Flex mal schnell aus einem Stück Alteisen ein Teil geschnitten, mit einem betagten Schweisstrafo, über zigfach geflickte Kabel und mit irgend einer Elektrode angeschweisst. Dank grosszügig dimensionierter Bauweise hält es ausgezeichnet! Teile die nicht passen werden passend gemacht. Und wenn es wieder erwarten nicht hält, hat es im nächsten Dorf andere begnadete Mechaniker. Die örtlichen LKW werden über Jahre und Jahrzehnte so am Leben gehalten. Ist ein Carosserieteil nicht mehr zu retten, wird kurzerhand aus einem ähnlichen oder aus einem Stück Blech ein neues gedängelt. Beeindruckend mit welchem Improvisationstalent diese Mechaniker ans Werk gehen. Schön sind diese Lösungen meist nicht, aber sie funktionieren! Dieses Vorgehen funktioniert aber auch bei neuen Fahrzeugen. Erst dort wo viel Kunststoff zum Einsatz kommt, erreichen die Buschmechaniker schnell ihre Grenzen.

Völlig anders schaut die Lage in Europa aus. Schaut man sich im viermalvier-Forum die verzweifelten Suchen nach Carosserieteilen oder nur schon Türdichtgummis an, kommen ernste Zweifel an der Ersatzteilpolitik der Fahrzeughersteller auf. Schon für ein Lieferwagen von 1995 sind kaum mehr Reparaturbleche erhältlich.

 
Reparierbarkeit von Motoren

Selbst der ambitionierteste Mechaniker mit gut ausgestatteter Werkstatt kann ein defektes Motorenteil nur ersetzen, wenn er auch das passende Ersatzteil hat. Bei betagten Fahrzeugen sind Ersatzteile selten! Und spätestens seit der Einführung von Euro 3 im Jahr 2000 haben sich die Motorbaureihen stark aufgespalten.

So wurden bis 2015 in Afrika und Asien weiter Landrover mit TD300 Motor verkauft, der in Europa schon 1998 durch den TD5 abgelöst wurde. Der TD5 wurde nie in Fahrzeugen die für Afrika und Asien bestimmt waren verbaut und so sind Ersatzteile und Know how für diesen Motor vor allem dort anzutreffen, wo sich Reisende oder Rallyfahrer und ihr Begleittross herumtreiben. Etwas besser schaut dies bei den Motoren von FPT aus, basiert doch selbst der Aktuelle F1C Euro6-Motor nach wie vor auf dem F1C Euro3-Motor, der z.B. in Südafrika als Standardmotor verbaut wird. Die selbe Motorbaureihe wurde und wird in BREMACH, SCAM, IVECO, Fiat, Citroen, Peugeot und Renault Lieferwagen und einigen Bau- und Landwirtschaftsmascinen verbaut. Natürlich sind nicht alle Teile kompatibel, aber viele können übernommen werden.

Alte elektroniklose Motoren aber haben ein paar gravierende Nachteile. Sie sind alle schon etwas betagt und haben ein nicht in jedem Fall optimales Vorleben. Dazu haben z.B. die hochgelobten Vorkammerdiesel mit mechanischer Einspritzung im Vergleich zu modernen Motoren wenig Leistung, hohen Verbrauch und haben meist schon einiges an Misshandlungen auf dem Buckel. Da ist es gut, dass sie leichter zu reparieren sind, denn das muss man oft.


Elektrik und Elektronik

Hier hat der begnadete Buschmechaniker ein deutliches Know-how Problem. Nicht bei der "gewöhnlichen" Fahrzeug-, aber bei der Motorelektrik. Lampen, Starter, Alternatoren usw. können auch ohne "Hilfe" der Fahrzeugsteuerung betrieben werden. Aber die Motoren wurden spätestens ab dem Jahr 2000 mit elektronischen Motorsteuergeräten und einer Vielzahl von Sensoren ausgestattet. Da braucht es ein fundiertes Elektronik-Fachwissen, einen Diagnosecomputer und das passende Ersatzteil. In der Regel haben dies nur Markenwerkstätten! Hier ist ein elektronikloser Motor deutlich im Vorteil. ABER, die Motorsteuerung von modernen Motoren gehört bei weitem nicht zu den störanfälligsten Teilen! Wenn etwas stört, sind es die Sensoren! Und nichts hindert uns daran, uns von der Markenwerkstatt ein Sensorensett zusammen stellen zu lassen, mit den Sensoren die "Lebenswichtig" sind.

 
Reparierbarkeit von Getriebe, Verteilergetriebe, Kardane und Achsen

Deutlich besser schaut es bei Getrieben aus, wird das selbe Bauteil doch oft von verschiedenen Fahrzeugherstellern verbaut. Logisch sind auch diese einer Alterung unterworfen, aber die übliche Schäden sind oft einfach zu beheben. Gerne wird ein Getriebetyp über mehrere Generationen von Fahrzeugen und auch Modellübergreifend verwendet.

Kardane, bzw. Kreuzgelenke werden von Buschmechanikern eben mal schnell repariert, oder man baut ein ähnliches um und ein. 

Bei Achsteilen und Verteilergetrieben sind von Marke zu Marke grosse Unterschiede in der Verfügbarkeit von Ersatzteilen feststellbar. Völlig unabhängig davon, ob es ein älteres Modell ist oder nicht. Tendenziell sind Landrover, Toyota und Mercedes VG und Achsteile leichter zu finden als Teile anderer Hersteller. Zum Glück aber gehören diese Bauteile nicht zu den Störanfälligsten!

 
Fazit: Es ist eine Legende, dass alte Fahrzeuge von jedem Buschmechaniker repariert werden können! Sein Reisefahrzeug auf einem alten Fahrgestell aufbauen hingegen ist eine Lotterie mit unsicherem Ausgang! Guterhaltene Gebrauchte aus vor-Elektronik-Zeit als Basisfahrzeug sind leider äusserst selten. Bei den als "restauriert" angebotenen Fahrzeugen wurde gern mit viel Farbe gearbeitet. Motor, Getriebe, Antriebsstrang bleiben nur zu oft unangetastet!

Ein Aspekt, der im Zusammenhang mit älteren Fahrzeugen in Zukunft immer mehr zum Tragen kommt, sind Fahrverbote wegen Feinstaubbelastung. Nicht nur Städte, sondern gleich ganze Regionen können mit Fahrverboten belegt werden. Eines der vielen Beispiele ist hier Österreich. Aktuell betrifft dies zwar (noch) keine Wohnmobile, aber eine Tendenz zur Verschärfung ist klar erkennbar. Wer sein Fahrzeug in Europa einlösen möchte, wird mit den immer einschneidenderen Gängeleien wegen der Abgasnormen konfrontiert.

Wer sicher sein will nicht viel Geld in den Sand zu setzen, sollte sich einen neueren Gebrauchten, oder ein Neufahrzeug zulegen.

Der Fahrzeugbesitzer, egal ob Neufahrzeug oder Gebrauchter, wird sich mit der Technik seines Fahrzeugs auseinandersetzen müssen. Denn der Pannenteufel schlägt selten nahe einer Ortschaft zu, sondern meist irgend wo, wo weit und breit keine Hilfe vorhanden ist. Sich nur auf ACS, TCS, ADAC usw. zu verlassen ist nicht klug, keiner kommt ans "Ende der Welt" um den Reisenden zu bergen!

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