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Pistenfahren

Wo der Asphalt endet, beginnt die Piste. Hier ist das Revier der allradgetriebenen Reisefahrzeuge. Natürlich können viele Pisten auch mit 2WD-Fahrzeugen bewältigt werden. Aber die Belastungen (für Mensch und Maschine) sind erheblich. Allradfahrzeuge sind idr. deutlich robuster gebaut. Manche Pisten (z.B. Sandpisten) werden mit 2-WD zu einer ernsten Herausforderung. Grundsätzlich sollten wir auf Pisten eher eine gemächliche Geschwindigkeit wählen, Etappen eher kurz planen und auch mal einen Tag länger andenken, denn:

Kommentar von Allrad Christ: "Die meisten Schäden die wir an Fernreisefahrzeugen zu reparieren haben, sind auf zu schnelles Fahren auf Pisten zurück zu führen"

Hier ein paar Betrachtungen für Reisefahrzeuge auf leicht-LKW-Basis.



Schotterpisten

Egal ob in Nordskandinavien oder...Südmarokko, Schotterpisten sind die weitaus häufigsten "Strassen"


Die meisten Pisten, weltweit, sind Schotterpisten. Der Grossteil einer Fernreise wird über feinen, kiesartigen, bis groben geröllähnlichen Schotter, lose oder fest, trocken bis nass, breit wie eine Landebahn oder schmal wie ein Eselspfad führen. Schotterpisten sind nicht schwierig zu befahren, mit etwas verringertem Luftdruck und angemessener Geschwindigkeit wird die Fahrt für Mensch und Material erträglicher. Der Bremsweg wird (auch mit ABS) länger, das Reisefahrzeug reagiert auf Lenkbewegungen etwas träger. Mit vorausschauender Fahrweise sind die hunderte- oder tausende Kilometer Schotterpisten, die wir unweigerlich bewältigen müssen, leicht zu schaffen. Lediglich auf Auswaschungen, Erosionsrinnen und Löcher müssen wir achten.

Tipp: Vorsicht bei Fahrten auf grobem Schotter mit Fahrzeugen mit eher empfindlichen Reifen (PKW-Geländewagenreifen). Mit zu tiefem Luftdruck riskiert man Beschädigungen an den Reifenflanken!


Wellblech-Pisten



Auf dem relativ lockeren Untergrund der Schotterpisten drehen die Räder immer ein wenig durch bevor sie greifen. Dadurch entstehen im Belag kleine Vertiefungen. Auf regelmässig befahrenen Pisten bilden sich aus den Vertiefungen durch das Fahrzeuggewicht und den Abrolldruck der Räder mit der Zeit waschbrettförmige, quer zur Fahrrichtung verlaufende Rillen, die meist im Abstand von 60-80cm  folgen und bis 20cm Höhe erreichen können.

Dies ist das oft zitierte Wellblech. Jemanden, der sein Auto vorwiegend auf Asphalt bewegt zu erklären, wie man sich beim Befahren von Wellblech fühlt, ist schwierig. Wie sich das Auto "fühlt" sollte man besser nicht fragen. Bei langsamer Fahrt ziehen sich diese Pistenabschnitte gnadenlos in die Länge, bei schneller Fahrt riskiert man Schäden an Mensch und Material.

Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten solche Abschnitte zu bewältigen:


Auf die Schnelle

(Text von Klaus Därr, abgetippt von Matti aus dem VMV)

Därr: Es ist Sache des Fahrers herauszufinden, bei welcher Geschwindigkeit man diese Wellen gerade nicht mehr so sehr spürt. Bei sehr niedriger Geschwindigkeit – ca. 15 km/h, fährt man jede Welle aus und hat ständig Bodenhaftung. Mit steigender Geschwindigkeit berühren die Räder nur noch zeitweise den Boden, das Fahrzeug kommt irgendwann in Resonanz und rumpelt fürchterlich über die Piste. Jetzt kommt es darauf an, noch einige PS unter der Haube zu haben, um so weit beschleunigen zu können, dass man deutlich über der Resonanzgeschwindigkeit und dadurch relativ ruhig fährt.

(Anmerkung: Dies kann bei 60, 80 oder auch erst 100 Km/h der Fall sein.)

Und genau das hat aber ein paar gravierende Nachteile:

Därr: ... es wird sich dann nicht immer vermeiden lassen, dass man mit voller Fahrt in die nächste Querrille rauscht.

Praktisch jede Wellblechpiste wird von mehr oder weniger tiefen Gräben, Rillen, Löchern unterbrochen. "Rauscht" man nun mit hoher Geschwindigkeit in so eine Rille, weil man sie übersehen hat oder nicht mehr genug früh Bremsen kann, (man hat ja nur noch teilweise Bodenkontakt, was die Bremsleistung extrem verringert) kann es zu Schäden am Fahrwerk und der Lenkung des Fahrzeugs kommen. Im schlimmsten und gar nicht so seltenen Fall kann es sich überschlagen.

Ein anderer Punkt ist, durch die starken Vibrationen und die Schläge auf das Fahrwerk und den Antriebsstrang kann es schnell zu Belastungsbrüchen an diversen Komponenten kommen. Besonders Stossdämpferbefestigungen, Lenkhebel, Schub- und Spurstangen, Kardanwellen- und Flanschen, Kreuzgelenke sowie die Differenziale und am Verteilergetriebe.

Alles in allem eine materialmordende Vorgehensweise die bei Reisenden, die ja auch wieder mit ihrem Fahrzeug nach Hause reisen möchten, nicht zu empfehlen ist! Für den Mechaniker, oder mechanisch begabten Menschen ist diese Fahrweise ein Gräuel!

Allrad Christ: Ihr fahrt also in den entlegensten Gebieten der Welt herum und um dabei möglichst schnell von A nach B zu kommen, geht Ihr das Risiko ein auf Wellbelch das Auto zu zerlegen ? Oder gibt es in Australien/Afrika eine gesetzliche Mindestgeschwindigkeit auf (Wellblech)Pisten. Wie behämmert seid Ihr eigentlich ?

Fahrzeuge im Rally-Einsatz können anders, die sind dafür gebaut. Aber da werden auch alle paar hundert Km die Komponenten des Fahrwerks getauscht. Und wenn was bricht, wird es vom Wartungsteam über Nacht repariert.


Gemächlich

Man wählt eine Geschwindigkeit die gerade noch angenehm ist, versucht die Spur so zu fahren, dass man die tiefsten Rillen vermeidet. Ist man gemächlich unterwegs hat man dafür Zeit sich die Umgebung anzusehen und die Reise zu geniessen. Man erspart sich so die Mühe des Konzentriert-Fahren und die Zeit für Reparaturen.

Hier ein paar Zitate aus Posts von erfahrenen Reisenden:

HorstPritz: Es ist immer noch deutlich besser lansam unterwegs zu sein und  als Fahrer auch was von der Landschaft zu sehen als Irgendwo im Nirgendwo zu stehen und zu reparieren. Zudem ist es dann möglich mit erwas geringerem Luftdruck zu fahren um das Fahrzeug zu schonen ohne die Reifen zu ruinieren.

Wildwux: Bei dem Gerappel wo man meint die Karre fliegt auseinander, beiss ich die Zähne zusammen und fahr gemässigt oder such mir eine etwas angenehmere Spur. Wir haben auch schon die Resieroute angepasst um dem Wellblech auszuweichen.

Veco4x4: Was es einfach bedarf ist; Ruhe, Gelassenheit und Zeit. Reisen beginnt zwar wie Rasen ebenfalls mit R hat aber eine andere Bedeutung.

Ullidoc: Ihr könnt 100 km Wellblech in 1,5h fahren mit der Gefahr das Fahrzeug komplett zu zerstören (Querrinne) oder man brauch halt 5-7h und muss sich nicht so sehr auf die 100 m vor einem konzentrieren und fährt entspannt und Materialschonend

Hier im VMV ist das Thema umfassend diskutiert: Wellblech

Sandpisten

Wüsten werden gern mit Sanddünen gleich gesetzt. Allerdings bedecken Sanddünen nur einen geringen Teil von Wüsten. So sind zwar 20% der Sahara von Sand bedeckt, aber nur ein kleiner Teil davon ist Sanddünen. Die Fahrt duch Sanddünen ist oft nur wenige Kilometer lang und zudem freiwillig, aus Fahrspass oder auch nur blosser Selbstbestätigung. Pisten hingegen meiden Dünenfelder wo immer möglich!

Aber es wird sich kaum verhindern lassen, dass wir hunderte Kilometer Sandpisten bewältigen müssen, einfach nur um an unser Ziel zu gelangen!

Die stundenlange Fahrt auf Sandpisten, durch einsame Landschaften kann anstrengend, aber auch ausgesprochen interessant und spannend sein. Im Gegensatz zum Dünenfahren hat man Zeit und Gelegenheit während der Fahrt eine abwechslungsreiche Umgebung zu bewundern.
 
Tipp: Morgens und abends sind Sandpisten besser zu fahren als über die Mittagszeit. Über Mittag steht die Sonne hoch am Himmel, das Gelände wirft kaum Schatten, alles "zerfliesst" in einem gleichförmigen gelb. Fahrspuren, Rinnen, Löcher sind schwierig zu erkennen und die Möglichkeit ein Hindernis zu übersehen ist hoch! Besser am Vormittag und Nachmittag Fahren, dazwischen eine längere Ruhepause an einem netten Ort einschalten.
 
Sand auf Sandpisten hat viele Gesichter, aber grob können zwei für uns relevante Zustände von Sand unterschieden werden:

Piste mit "weichem" SandPiste mit "hartem" Sand


"Weicher" Sand

"Weicher" Sand zeigt sich dadurch, dass die Spur eines voran-fahrenden wieder zusammen fällt, sie kriegt eine V-Form. Das Fahrzeug "schwimmt" und neigt zum schlingern. Lenkbewegungen führen erst mit einiger Verzögerung zu einer Richtungsänderung.

Tipp: Wir fahren weiche Sandpisten in der Untersetzung, sperren beim permanenten Allradantrieb das Zentraldifferential und halten die Drehzahl eher etwas höher, damit wir sofort Leistung abrufen können, wenn das Fahrzeug durch tiefen Sand eingebremst wird. Heftige Lenkbewegungen und starkes Bremsen meiden wir möglichst. Regelmässig kontrolieren wir die Kühlwasser- und wo vorhanden die Öltemperatur. Die Fahrt durch weichen Sand ist für den Motor etwa gleich belastend wie eine Fahrt mit schwerem Anhänger.

Dabei fahren wir Vorausschauend, achten darauf ob die Fahrspuren vor uns tiefer werden, oder ob gar Bergespuren sichtbar sind. Diesen Stellen weichen wir möglichst aus, oder versuchen sie mit Schwung zu durchfahren. Ein tiefer Luftdruck hilft uns dabei! Da wir eher gemächlich unterwegs sind, schadet dies den Reifen nicht, auch wenn wir lange Strecken so bewältigen.


"Harter" Sand

"Harter" Sand meint, wenn die Spur eines voran-fahrenden nicht zusammen fällt und vielleicht gar das Profil seiner Reifen sichtbar ist.

Tipp: Ob wir die Untersetzung brauchen, hängt vom Fahrzeuggewicht, der Motorleistung, der Getriebespreizung und der bevorzugten Geschwindigkeit ab. Bei Fahrzeugen mit permanentem Allradantrieb muss die Zentralsperre nicht gesperrt sein. Auch hier fahren wir eher in den tiefen Gängen, also mit eher höherer Drehzahl, damit wir sofort Leistung abrufen können, falls die Piste "weich" wird. Ein abgesenkter Luftdruck ist auch hier nicht fehl am Platz.

Die Fahrt über "harte" Sandpisten ist gemütlich und entspannt. Selten sind Rinnen und Löcher in der Piste, sie würden schnell mit Sand verfüllt. Die Belasung für den Motor ist nicht hoch, sie ist etwa wie eine Fahrt mit leichtem Anhänger. Solche Strecken lassen sich auch mal etwas schneller befahren, man sollte dann aber, bei eher empfindlichen Reifen (PKW-Geländewagenreifen) und schwererem Fahrzeug den Luftdruck erhöhen.

Sand- Geröll- Mischpisten


Bei Pisten die abwechselnd über Stein- und Sandfelder führen, stellt sich die Frage: "Welcher Luftdruck ist sinnvoll". Gerade wenn die verschiedene Abschnitte kurz hintereinander wechseln ist ein ständiges Umstellen des Luftdruck nicht möglich. Bei Fahrzeugen mit eher empfindlichen Reifen (PKW-Geländewagenreifen) ist das Dilemma; mit hohem Luftdruck vermeide ich Beschädigungen durch Steine, versacke aber in fast jedem Sandfeld, mit tiefem Luftdruck durchfahre ich die Sandfelder problemlos, riskiere aber Beschädigungen an den Reifenflanken.

Tipp: So viel wie nötig, aber so wenig wie möglich! Der ideale Luftdruck ist stark abhängig von Fahrzeuggewicht, Geschwindigkeit, Reifenbauart usw. muss also individuell herausgefunden werden. Wir raten zu eher tiefem Luftdruck und gemächlicher Fahrweise. Grösseren Steinen ausweichen!

Gebirgspisten


Selten befahrene Gebirgspisten werden auch nur selten unterhalten. Wenn die Piste keine wichtige oder grosse Ortschaften verbindet, oder eine bessere Piste parallell gebaut wurde, verfallen sie langsam. Regen und Schneeschmelze sorgen für Rinnsale, die furchen in die Deckschicht fräsen, nach Monaten/Jahren werden kleine Bäche daraus, die alle feinen Teile des Belags weg schwemmen. Über die Jahre bleiben nur Geröll und Steinbrocken zurück.

Die Fahrten über solche "Teilzeit-Bachbetten" ist anstrengend und dauert laaaaange. Durchschnittsgeschwindigkeiten von unter 5 Km/h sind keine Seltenheit und die Bemerkung: "Zu fuss wären wir schneller" ist sehr oft zutreffend. Es kann auch gut möglich sein, das wir mit Steinen Löcher und Rinnen auffüllen, oder mit Sandblechen Randbefestigungen oder Rampen bauen müssen. (so wie hier) Bachquerungen sind meist in einem mieserablen Zustand, unter Umständen kann eine auch mal unpassierbar geworden sein, weil wir den Graben nicht überqueren, die Böschung nicht erklimmen können und wir nicht stundenlange Steine schleppen mögen. Eine 30 Km Etappe kann gut und gerne auch mal 2 Tage dauern.

Tipp: Selbstverständlich fahren wir solche Pisten in der Untersetzung, in einem möglichst tiefen Gang und sperren beim permanenten Allradantrieb das zentrale Differential. Glück haben die Besitzer von Fahrzeugen mit sehr tiefer Untersetzung, die Kupplung wird deutlich weniger belastet. Eine sehr langsame Geschwindigkeit ist extrem wichtig, da wir oft Felsbrocken über- und Rinnen durchklettern müssen. Mit höherer Geschwindigkeit würden wir die Lenkung (Lenkhebel, Spur- und Schubstange, Lenkgetriebe) stark belasten. Der Luftdruck sollte nicht zu tief sein, wir riskieren sonst Beschädigungen an den Reifenflanken und den Felgen.

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